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Roberto "Magnus" Raviola

"Fragt man einen der ganz Großen der internationalen Comic-Kunst - Moebius etwa - nach dem bedeutendsten italienischen Comic-Zeichner, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: Magnus selbstverständlich." (1)

Der italienische Altmeister der Fumetti wurde am 31. Mai 1939 in Bologna geboren. Er schloss 1961 sein Studium an der "Accademia di Belle Arti" ab. Bereits während des Studiums begann Raviola Comics und Cartoons zu zeichnen. Bevor er jedoch professioneller Comiczeichner wurde, verdiente er sich als Kunstlehrer und Grafik-Designer.
1958 zeichnete er seinen ersten Fumetti "Il Vendicatore" unter dem Pseudonym Bob la Volpe; angelehnt an einen Charakter den Carl Barks (Donald Duck) kreierte. 1961, für "Il Dottor Kastner", verwendete Raviola bereits sein bekanntes Pseudonym Magnus - abgeleitet aus dem lateinischen Spruch Magnus Pictor Fecit (Ein großer Künstler hat dies geschaffen).

1964 traf Raviola auf den später wohl bekanntesten Fumetti-Autoren seiner Zeit Luciano Secchi, alias Max Bunker. Innerhalb des Verlags Editoriale Corno entwickelten Magnus und Bunker die legendären italienischen Fumetti neri-Serien Kriminal und Satanik, sowie in den folgenden Jahren Gesebel (1966), Dennis Cobb - Agnet SS018 (1965-67) und die eher sarkastische Reihe MaxMagnus (1968-70).

Mit "Satanik" erschien zum ersten Mal in den Fumetti neri eine weibliche Antiheldin, in Form einer unerschrockenen verbrecherischen Wissenschaftlerin.
"Kriminal", einem Klon der berühmten Serie "Diabolik", vermischte als einer der ersten Heftserien Horror, Erotik und Gewalt, "die recht gut den gegenwärtigen Verfall der Gesellschaft widerspiegelt" (Zitat Max Bunker). (2) Die Debüt-Geschichte um den skrupellosen unangepassten Kriminellen im Skelettkostüm und Totenschädel Maske, erschien August 1964 mit dem bezeichnenden Titel "Il Re del Delitto" (Der König des Verbrechens).

In den folgenden Jahren erschien "Kriminal" und "Satanik" im 14Tage-Rhythmus. Bunker und Raviola (mit Hilfestellung einiger Assistenten) entwickelten untereinander einen gewissen Wettkampf, wer schneller fertig wird. Magnus mit der letzten Seite oder Bunker mit dem Skript für die nächste Folge. Zudem entwickelte Magnus im Angesicht des enormen Arbeitspensums einen immer simpleren Zeichenstil. Er reduzierte Details auf das Wesentliche, verzichtete auf überflüssige Hintergründe oder stilisierte sie bis zur Abstraktion. Seine Linien wurden einfacher und klarer, Schraffuren immer präziser und Kontraste radikaler. "Ohne es selbst zu bemerken hatte Roberto Raviola das entwickelt, was der typische Magnus-Stil der Endsechziger werden sollte". (1)
Natürlich waren beide Serien - zumindest in ihren fremdsprachigen Veröffentlichungen - nicht von Zensureingriffen verschont.

Bereits 1967 arbeitete das "Dream-Team" an der später überaus erfolgreichen Serie Alan Ford, welche 1969 erstmals an den Kiosken stand. Magnus zeichnete die komplette Serie bis Ausgabe 75. Dabei entwickelte er eine schwarz-weiße Zeichentechnik, die mit dem geschickten Spiel von Licht und Schatten sehr viel Wert auf Atmosphäre legte und damit Vorlage für etliche Kollegen bildete, die diesen Style aufgriffen und für ihre Projekte adaptierten. "Alan Ford" - anders als "Kriminal" oder "Satanik" - fokussierte sich auf parodistischen und satirischen Story-Elemente. Magnus unterstützte die humorvollen Texte Bunkers mit einem angepassten, eher karikaturistisch/"cartoonigen" Zeichenstil.

Etliche Jahre prägte das Team die Bild- und inhaltliche Sprache der italienischen Fumetti. Im Zuge der Liberalisierung wurde weiter an der Schraube des legal Machbaren gedreht. Die Serien wurden ruppiger, zeigten mehr sexuelle Elemente und entwickelten einen recht sarkastischen Humor.

Mitte der 1970er Jahre experimentierte Magnus nicht nur mit Drogen (was ihm einen nachhaltig beeinflussenden, dreimonatigen Gefängnisaufenthalt bescherte), sondern auch an seinen künstlerischen Stilmitteln. Er entdeckte zudem das Schreiben eigener Texte für sich. Dies und der seit gut zehn Jahren gleiche Trott bei Corno, veranlasste Magnus 1975 die Zusammenarbeit mit Max Bunker und dem Verleger Andrea Corno (Editoriale Corno) zu beenden. Nur für die "Alan Ford"-Ausgabe 200 kehrte Magnus 1986 noch einmal zurück.

Um 1975 begann Raviola für Renzo Barbieri bei Edifumetto zu arbeiten. Dabei entstand die Reihe Lo sconosciuto, die wohl einer seiner besten Arbeiten darstellt. Die in einem realistischen Zeichenstil gestalteten Serie, erschien bei Edizioni deI Vascello, sowie später (1981) im S & M Magazin (Strisce und Musica).
"Lo sconosciuto" ist ein düstere Serien-Thriller mit einem toughen Söldner (genannt "unknow") als Helden, der ein wenig an den japanischen Kultmanga "Golgo 13" erinnert. (1) Auch Angesichts der Sex- und Gewalt-Szenen, die in "Lo sconosciuto" für ihre damalige Zeit (für reguläre Kiosk-Ausgaben) schon äußerst gewagt waren.

Ende der 1970er Jahre entstand Compagnia della Forca, eine im Mittelalter spielende Fantasy-Saga, für die Raviola in einen Disney-ähnlichen Zeichenstil wechselte und die 19-teilige Geschichte zusammen mit Kollege Giovanni Romanini gestaltete.

Wie auch in späteren Arbeiten zu sehen, beschäftigt sich Magnus in seinen Geschichten gerne mit fernöstlichen Elementen. So auch beim Science-Fiction Abenteuer Milady 3000, das sich neben Technik-, Erotik- und Flash Gordon-Elementen auch mit chinesischen Gebräuchen und Örtlichkeiten beschäftigt. Der Comic - angelehnt an eine Isaac Asimov Geschichte - erschien zuerst im Magazin Il Mago der Èditions Mondadori (1980). Zudem wurde sie in Frankreich bei Metal Hurlant (1980) veröffentlicht und später 1986 in Albenform bei Ansaldi.

Necron
In den 1980er Jahren erschuf Magnus seine bekanntesten erotischen Werke. Darunter natürlich die anarchistisch, Tabus brechende Serie "Necron". Anfänglich unterstützt durch Vorgaben von Ilaria Volpe (= Ilaria Martini), erschuf Magnus eine paradox-groteske Geschichte, die er detailarm in einer Art "ligne claire"-Zeichenstil - von ihm "elettronecronplastico" genannt - gestaltete. Magnus verzichtete in etlichen Passagen der Geschichte gänzlich auf Hintergründe. Sein geschickter Einsatz von schwarzen Flächen erzeugt jedoch die notwendige Spannung zwischen den einzelnen Seiten.

"Necron" handelt von der nekrophil veranlagten Wissenschaftlerin Frieda Boher, die sich á la Doktor Frankenstein den perfekten Liebhaber aus Leichenteilen und Elektroschrott zusammenbaut. Es entsteht der Roboter/Mensch-Hybrid Necron. Das Monster - von Frieda mit einem übergroßen Penis ausgestattet - ist jedoch keine tumbe Sex- oder Mordmaschine. Er pendelt emotional zwischen kindlicher Naivität und skrupelloser Kaltblütigkeit eines Mörders; was für ihn keine moralischen Konflikte bedeutet, da er selbst bereits tot ist.

Necron ist eine kuriose Vermischung klassischer Abenteuer- und Horrorfilme. Die Anspielungen an den Faschismus sind dabei unübersehbar. Doch die rein triebgesteuerte Frieda scheitert mit ihrem Willen zur Macht regelmäßig an ihrer pervertierten Libido. (1)

"Hatte man erst mal geschluckt, welch harter Tobak einem da vorgesetzt wurde, traten die Schockelemente rasch zugunsten des Humors in den Hintergrund. ... Magnus trieb Zynismus, schwarzen Humor und die verhängnisvolle Mischung aus Tabuverletzungen, Sex und Gewalt auf die Spitze". (1)

Auch die "Necron"-Reihe ereilte das Schicksal etlicher Fumetti-Serien, die - anders als im Originalformat von zirka 13 x 18 cm - für in- wie ausländische Nachdrucke im größeren Albenformat unschön umgestaltet wurden. Gerade die französischen Albin Michel Ausgaben sind eine Zumutung. Einzelne Bilder wurden vergrößert, beschnitten oder gänzlich entfernt, um halbwegs das größere Albenformat sinnvoll füllen zu können. Die neueren französischen Wiederauflagen (2006-2010) der Reihe wurden von Collection Paul/Cornélius im Originalzustand - in dicken Taschenbänden 15 x 21 cm - veröffentlicht.

Le centodieci pillole (Le 110 pillole)
Jin Ping Mei ist ein Monument der chinesischen erotischen Literatur und entstand etwa im 16. Jahrhundert in der Spätzeit der Ming-Dynastie. Lange Zeit wurde der pornographische Sittenroman verboten oder von allzu deutlichen Passagen bereinigt. Es wird angenommen das ein unzensiertes Werk in der chinesischen Nationalbibliothek unter Verschluss gehalten wird. "Die 110 Pillen" ist eine sehr freie Adaption dieses legendären Stoffes.

Das Werk lebt durch seinen Detailreichtum, das nichts mehr mit den frühen schablonenhaften Fumetti der Anfangszeit zu vergleichen ist. Kein Comic von Magnus wurde in mehr Sprachen übersetzt, wie "Le centodieci pillole". Den Nachfolgeband hat Georges Pichard geschrieben und gezeichnet.

Bot Magnus mit "Necron" noch einen geradezu minimalistischen Zeichenstil, so schwenkte er ab den Arbeiten für "die 110 Pillen" in einen buchstäblich detailversessenen Überflug.

In dieser künstlerischen Phase entstanden zudem filigrane Illustrationen bzw. Kurzgeschichten für die Magazine Diva (1985/1987) und Glamour, sowie einige Kurzgeschichten die zuerst bei Gedit (1987/1988) und später im Magazin ComicArt (1990/1991), unter dem Haupttitel "Le Femmine Incantate" (die verzauberten Frauen) veröffentlicht wurden. Auch diese sind detailliert gezeichnet und durchsetzt mit fernöstlichen Stilelementen.

Eine der letzten Arbeiten von Raviola war für die legendäre Western-Serie "Tex". 1996 erschien die Sonderausgabe Albo Speciale Nr. 9, die er für den Sergio Bonelli Verlag zeichnete. Alessandro Distribuzione veröffentlichte zwei Jahre später einen Nachdruck dieser Sonderausgabe.

Trotz der erotischen Qualität seiner Werke, ob nun "Necron", "die 110 Pillen", oder seine Aktillustrationen, erinnerte man sich erst spät an den Stellenwert seiner Arbeiten. Dies änderte sich als heimische Kollegen wie Milo Manara oder Franco Saudelli große Erfolge mit ihren erotischen Comics feierten.

Magnus verstarb am 5. Februar 1996 in Castel del Rio (Italien) an den Folgen eines Krebsleiden. Kurz vor seinem Tod arbeitete Magnus an einer Kurzgeschichte, die seinen Helden aus "Lo Sconosciuto" wieder auferstehen ließ.

Roberto Raviola war ein außerordentlich freundlicher, aber auch zwiespältiger und introvertierter Mensch, der jedoch ungemein zuvorkommend sein konnte. Doch ebenso hatte Raviola auch dunklen Seiten und seine Wutausbrüche waren berüchtigt. (1)

Veröffentlichungen, Italien (Auswahl (fast) vollständig * ) (1):
- Kriminal (Serie, Editoriale Corno, 1964-1974), gut 100 Ausgaben
- Satanik (Serie, Editoriale Corno, 1964-1973), etwa 60 Ausgaben
- Dennis Cobb Agente SS 018 (Serie, Editoriale Corno, 1965-1967), etwa 15 Ausgaben
- Gesebel (Serie, Editoriale Corno, 1966), sechs Ausgaben (in Frankreich als Jézabel erschienen)
- MaxMagnus (Serie, Editoriale Corno, 1969-1970), einzelne Kurzgeschichten für das Magazin Eureka
- Favole Nere (Serie, Editoriale Corno, 1969-1970), einzelne Kurzgeschichten für das Magazin Tommy und Eureka
- Alan Ford (Serie, Editoriale Corno, 1969-1975, 1986), 75 Ausgaben + Ausgabe Nr. 200
- Storie Sexy-Horror (Serie, Edifumetto, 1974-1975, 1979-1980)
5 Geschichten: Mezzanotte di morte (60 Seiten), Dieci cavalieri e un mago (108 Seiten), Quella sera al collegio femminile (60 Seiten), Vendetta macumba (94 Seiten), Il teschio vivente (106 Seiten)

- I Briganti (Serie, Edifumetti, 1973-1979) 4 Beiträge (Nachdrucke u.a. in ComicArt 1987/1989) siehe auch "Les Partisans"
- Lo Sconosciuto (Serie, Edizioni deI Vascello / Edifumetti, 1975-1976)(Poligrafici Editoriale, 1981)(CIsola Trovata, 1982-1984)
- La Compagnia della Forca (Serie, GEIS/Edifumetto, 1977-1979) ins. 19 Ausgaben

- Milady "3000" (Mondadori, 1980 und Editoriale Corno, 1984)
- Necron (Serie, Edifumetti, 1981/1983/1985), 12 Ausgaben + ein Special
- Le centodieci pillole (Edizioni Nuova Frontiera, 1985)
- Le femmine incantate (Gedit, 1987/1988, ComicArt 1990/1991) Kurzgeschichten
- Le avventure di Guiseppe Pignata (Granata Press/Nova Press, 1993/1994)
- Tex (Sergio Bonelli Editore, 1996, Albo Speciale Nr.9)

erotische Veröffentlichungen (Alben), Frankreich (Auswahl):
- Les 110 pilules (Albin Michel, Collection: L'Echo des Savanes, 1986)(deutsch im Hofmann Verlag, 1991)
- Femmes envoûtées (Albin Michel, Collection: L'Echo des Savanes, 1991) (= Le femmine incantate)
- Necron, 5 Alben (Albin Michel, 1983-1989), 7 Ausgaben (Cornélius, 2006-2010)
- Les Partisans (Material aus I Briganti): Magnus - Nocturnes (Magic Strip, 1990), Magnus - La stratégie du diable (Magic Strip, 1991), Magnus - Le Mont des Deux Dragons (Magic Strip, 1991), Magnus - Au Nom de la Loi (Magic Strip, 1991)
- L´Internat féminin (Decourt, 2010), Zusammenfassung von vier Geschichten, die in Frankreich noch nicht veröffentlicht wurden.

weitere Veröffentlichungen (Alben), Frankreich (Auswahl):
- Milady 3000 (Ansaldi, 1986), SF-Geschichte
- Navaja, (Band 1/4/5/6, 1974-1975)
- Le spécialiste (Albin Michel, Collection: Barracuda, 1985)
- L´Inconnu (Èdition Casterman, 2007) Abenteuer aus "Lo Sconosciuto"-Reihe

(Doppelnennungen möglich. Etliche Arbeiten von Magnus erfuhren (mehrere) Nachdrucke in Alben oder Magazinen,
* nicht erwähnt sind Kurzbeiträge, Buchillustrationen, Sekundärliteratur, usw...)

Weitere Werke und zahllose Sekundärbeiträge von Magnus in italienischer Sprache listet die Monographie "Magnus", Glittering Images, Florenz, 1997, auf.

Links:
- Wikipf.com mit einer ausführlichen Bibliografie
- italienische Wikipediaseite
- englische Wikipediaseite
- Magnus auf Youtube
- Magnus auf lambiek.net

Filmtipp:
Der Fumetti Kriminal wurde 1966 verfilmt - dem sich sogar ein zweiter Teil 1968 anschloss. Die Filme sind leider nur mittelmäßig und können nicht mit dem definitiven Meisterkriminellen aus dieser Zeit Danger: Diabolik (1968) mithalten. Die Diabolik-Verfilmung ist auch heute noch sehenswert.

Quellen:
(1) M für Magnus, Edition Kunst der Comic GmbH, (Dieser deutschsprachige Band erschien anläßlich der Magnus-Ausstellung während des 8. Internationalen Comic-Salons Erlangen 1998. Am Ende des Bandes ist eine ausführliche Bibliografie abgedruckt) Für deutschsprachige Fans ein Muss.
(2) BDzoom.com

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