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Guido Crepax

Der italienische Künstler Guido Crepax - genauer Guido Crepas - wurde am 15. Juli 1933 in Mailand geboren und war in den Anfängen und der Blütezeit erotischer Comic einer seiner wichtigsten Vertreter. Ein Pionier und Visionär - oder einfach der "capo di tutti" von Italien, wenn nicht gar von ganz Europa.

Nach dem Gymnasium studierte Crepax Architektur in Mailand und promovierte 1958 - und das, obwohl ihn das Studium nicht sonderlich interessierte.
Bereits während des Studiums verdingt er sich als Illustrator für Buch- und Schallplattencover; überwiegend klassische Musik und Jazz. Seine Leidenschaft für Musik - vor allem dem Jazz - fing Crepax eindrucksvoll im Comicband "L´Uomo di Harlem" ein, der Ende der 1970er Jahre entstand.

1957 entwarf Crepax für den Ölkonzern Shell einige Werbeplakate, die in Italien die "Goldene Palme" der Werbewirtschaft gewannen. Danach wurde er ein durchaus gefragter Grafiker und Illustrator bei Werbeagenturen und Zeitschriftenverlagen. Für die medizinische Fachzeitschrift Tempo Medico gestaltete Crepax ab 1963 bis Ende der 1980er Jahre etliche Titelseiten, sowie die humorige Quiz-Rubrik "Circuito interno".

Crepax erste Comicgeschichte hieß "L´Uomo invisible", die er als Jugendlicher 1945/46 zeichnete - noch unter dem Einfluß amerikanischer Comics - und erst im Rahmen einer Bibliografie 1980 veröffentlicht wurde.

Das italienische Magazin Linus veröffentlichte 1965 seine Comicserie Neutron. Nach nur drei Folgen ersetzte Crepax die Hauptfigur, den Kunstkritiker und Superhelden Philipp Rembrandt, durch die "Nebendarstellerin", die Reporterin/Fotografin Valentina Rosselli. Sie wurde zum Star und löste einen wahren Crepax-Boom aus, die den Künstler in ganz Europa und darüber hinaus bekannt machte.

Die Figur Valentina mit ihrem kühlen Blick und dem charakteristischen schwarzen Pagenschnitt trug die äußerlichen Merkmale der Schauspielerin Louise Brooks, die Crepax sehr verehrte.
Mit ihr pflegte Crepax sogar einen regelmäßigen Briefwechsel, da sie von seiner "Hommage" sichtlich angetan war.
Der Comiczeichner John H. Striebel gestaltete die Comic-Figur Dixie Dugan Jahre vor Crepax ebenfalls nach der schönen Schauspielerin.

Crepax widmete der schönen Heldin im Laufe seiner langen Comic-Karriere ganze 18 Alben (siehe Bibliografie). Recht ungewöhnlich für einen Comic-Charakter war, dass Valentina im Laufe ihrer Albenveröffentlichungen alterte; um den Mangel an Realismus in so vielen Comicserien - wo Figuren ewig jung bleiben - aufzuzeigen.
Crepax: "Ein Comic von entscheidender Bedeutung, der die Gegenwart reflektiert in der er spielt, sollte keinen Hauptcharakter haben, der ewig jung bleibt, während die Welt um ihn herum sich verändert".
Die Abenteuer von Valentina folgen keiner kontinuierlichen Handlung, sondern fesseln durch eine unbeschreiblich fantasiereiche und surreale Erzählweise, die an experimentelle Gemälde, avantgardistische Filme oder Opernaufführungen erinnert. In den Geschichten vermischen sich zudem häufig drei Erzählebenen: Wirklichkeit, Erinnerung und Traum.

Eines seiner interessantesten erotischen Werke ist sicherlich Lanterna Magica, in dem er auf fast 100 Seiten eine Geschichte ohne die Verwendung eines einzigen Wortes erzählt. Mit seiner grafischen Virtuosität und raffinierten Layout-Schnitttechnik schaffte es Crepax, eine amouröse und extreme Geschichte zu erzählen, die sich vor allem im Kopf des Lesers entwickelt.
"In der kulinarischen Sprache würde das heißen: Crepax liefert zwar die Zutaten, das Rezept überläßt er dem Leser" (1).

Der aufwendig in Siebdruck hergestellte Band L´Histoire d´O ("Die Geschichte der O") wurde 1975 von Franco Maria Ricci im Folio-Format und in limitierter Auflage sowohl in italienischer als auch französischer Sprache veröffentlicht. Es ist die teuerste Erstausgabe in der Geschichte der Comics.
Die deutschsprachige Ausgabe kam prompt auf den Index der Bundesprüfstelle.

Ernsthaft vulgär oder explizit wurde Crepax in seinen Comic jedoch nie. Das geschickte Vermischen von Traum und Wirklichkeit nahm so manchen eindeutigen Szenen die mögliche Härte.
Die Arbeiten von Crepax wurden immer wieder kontrovers diskutiert; vor allem wegen diverser Fetisch-, Bondage- und S&M-Szenen, die sich in seine Geschichten mischten.

Neben seiner "Hauptschöpfung" Valentina entwickelte Crepax weitere Charaktere, wie zum Beispiel Bianca (Bianca - una storia eccessiva", 1972), oder die schöne Anita (u.a. Anita, "Una Storia possibile", 1974), sowie Belinda für das gleichnamige Album aus dem Jahr 1983 (wobei Teil 1 bereits 1967 entstand und Crepax die Geschichte mit einem kurzen zweiten Teil vervollständigte).

Im Album Bianca erlebt die junge Heldin fantasievolle Abenteuer, die dem Leser als eine Art Tagebucheintrag - indem sich pubertäre Wirklichkeit und Wunschdenken vermischen - erzählt werden.
Die Heldin Anita wird zum intellektuellen Transportmittel für Crepax, mit der er die gesellschaftliche Abhängigkeit von Massenkommunikationsmitteln, sowie die sexuelle Anziehung dieser Medien beschreibt; und das noch vor Cronenbergs Vision in Videodrom.

Neben diesen Neuschöpfungen gelang es ihm auch literarischen Stoff stimmungsvoll und bedachtsam in die Kunstform Comic zu übersetzen. Abgesehen von der bereits erwähnten L´Histoire d´O (Dominique Aury), sollte die überaus detailreiche und akkurate Adaption von Justine (Marquis de Sades) nicht unerwähnt bleiben (1979). Ein Jahr zuvor entstand bereits die Comicumsetzung zu Emmanuelle (Marayat Rollet-Andriane). Venus im Pelz (Leopold von Sacher-Masoch) erschien 1984. Neben diesen eher erotischen Stoffen beschäftigte sich Crepax zudem mit den Werken von Bram Stoker, Stevenson, Henry James, Kafka, und Mary Shelley.

Crepax zeichnete überwiegend in schwarz-weiß und orientierte sich stilistisch am detailreichen Jugendstil und der plakativen Pop-Art. Er entwickelte für seine Comics neue Techniken der Bildmontage - dem Kinofilm entliehen - und experimentierte mit Nahaufnahmen, Bildabfolgen und -ausschnitten. Crepax war zudem ein Meister des Zitats. Anspielungen auf Bildungsinhalte gehörten zu seinem Repertoire, mit dem er sein Publikum zu Insidern macht. (2)

Crepax zerlegte oft ganze Handlungssequenzen und fokussierte in einzelnen, manchmal unzähligen kleinen Bildern, die für ihn wichtigen Elemente einer Szene, wie Gegenstände, Körperteile oder Gesten. Näherte sich zum Beispiel ein erotischer Augenblick seinem Höhepunkt, wurden die Details intensiver; Augen, Lippen, eine Brustwarze, ein Penis, eine Vagina. Dadurch entwickelte sich Seite für Seite eine unglaubliche Dynamik und Spannung. Crepax hat diese Ausschnittstechnik im Laufe der Jahre perfektioniert und sein eigenes verschachteltes Comiclayout-System entwickelt. Eine weitere Erfindung von ihm, war das "Vorstellen eines Charakters". Zuerst sieht man in kleinen Bildern Einzelheiten der Person - Augen, Lippen, Zehen, Schamhaare -, um sie erst Seiten später vollständig zu erblicken. So entsteht eine Allgegenwart, die man vergleichen könnte mit der Anfangssequenz des Westernklassikers Spiel mir das Lied vom Tod.

Seine Zeichentechnik war ungewöhnlich, variantenreich, markant und unverwechselbar. Die meist mit Feder und Tusche gezeichneten Linien wirken durch ihren dynamischen Stil fast wie Pinselstriche.
Seine Frauenfiguren waren elegante, hagere, meist kühl und zerbrechlich wirkende Schönheiten, die jedoch eine ungeheure Stärke, Vornehmheit und Chic ausstrahlen.

Farbige Arbeiten von Crepax sind eher selten geblieben. Sein erstes Album "L´Astronave Pirata" aus dem Jahr 1968 hatte nur einige einfarbige Panels.
"L´Uomi di Pskov" (1977) war der erste reine Farbband - erschienen in der herausragenden italienischen Buchreihe "Un Uomo un Avventura". 1979 folgte "hello, anita!" und zwei Jahre später
"L´Uomo di Harlem" (ebenfalls für "Un Uomo un Avventura"). Seine Figur Valentina hatte nur ein farbiges Abenteuer: "Valentina Pirata" aus dem Jahr 1980. "Anita in diretta (1988) und "Juliette" (1990) wurden ebenfalls in Farbe produziert. "Valentina la gazza ladra" und "in arte... Valentina" aus den Jahren 1992 und 2001 weisen "nur" einige farbige Akzente auf.

Guido Crepax künstlerische Arbeit wurde im Laufe der Jahre mit zahlreichen Preisen und Ehrungen bedacht, wie zum Beispiel dem "American International Congress of Comics" 1972 in New York oder dem "Yellow Kid" als bester Autor vom Comic Salon in Lucca.

Der Künstler verstarb am 31. Juli 2003 im Alter von 70 Jahren in Mailand.

Seine außergewöhnliche Comickunst beeinflusste Künstler nicht nur in Italien oder Europa, sondern auf der ganzen Welt. Das Eintauchen in seine ungewöhnlichen Bildwelten ist ein Abenteuer für das sinnliche Auge und den begreifenden Verstand.
Guido Crepax hat das gewaltige Potential das in der Kunstform Comic steckt wirklich genutzt - poetisch, leidenschaftlich, detailverliebt. Bei ihm war es keine simple Aneinanderreihung von einzelnen Bildern um eine Geschichte zu erzählen, sondern eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Ausdrucksformen, welche die Neunte Kunst bietet. Guido Crepax unterhält den Leser mit fantasie- und ereignisreichen Bildorgien, die heutzutage nur noch sehr selten zu finden sind.

"Wie bei vielen seiner Kollegen wurden auch die Comicgeschichten von Crepax in Magazinen (wie zum Beispiel Linus) vorveröffentlicht. Es würde jeden vernünftigen Rahmen einer nicht wissenschaftlichen Arbeit sprengen, hier ins Detail zu gehen und die einzelnen Folgen der verschiedenen Geschichten in den diversen Magazinen den jeweiligen Veröffentlichungsdaten zuzuordnen.
Da alle Comic-Geschichten (nach dem Vorabdruck in den Magazinen) in Alben - dort neu zusammengestellt oder ergänzt - veröffentlicht wurden, soll hier nur die Erstveröffentlichung der Alben von Interesse sein. Dies ist die Grundlage der folgenden Bibliografie" (3).

Erstveröffentlichungen:
Da die Bibliografie der Erstveröffentlichungen von Guido Crepax ziemlich umfangreich ist, wurde sie auf einer zusätzlichen Seite ausgelagert.
Dort findet sich die vollständige Auflistung mit Abbildungen aller Alben-Cover!, sowie eine Auswahl an weiteren Daten zu Materialverwertungen,
Sekundärliteratur, usw... (3)

Links:
- deutsche
Wikipediaseite
- deutsche Wikipediaseite über Valentina
- In
Memory of Guido Crepax
- Rezension Louise Brooks von Striebel und Crepax.
- italienische Seite mit umfangreicher Bibliografie
- italienische Webseite mit Artikel über Crepax
- Umfangreicher französischer Artikel bei BDZoom.com

Quellen:
(1) Sex im Comic (1985, S.197)
(2) Julia, 1992, Schreiber & Leser, Vorwort.
(3) ohne fundierte Informationen wäre dieser Artikel in dieser Qualität nicht möglich gewesen. Ein entscheidender Dank geht an einen großen Verehrer von Guido Crepax: regdul!

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